Schwalbe Rick XC Pro Testbericht – 1250 km mit einem Weltcup-Reifen
Es gibt Reifen, die man kauft, weil sie zum Rad passen. Und es gibt Reifen, die man montiert, weil man wissen will, was passiert. Der Schwalbe Rick XC Pro gehört für mich in die zweite Kategorie: ein Reifen, der für den Cross-Country-Weltcup entwickelt wurde – und den ich kurzerhand auf eine 1000 Kilometer lange Bikepacking-Tour von Bern nach Marseille mitgenommen habe. Dazu kamen nochmal 250 Kilometer auf meinen Hausrunden rund um Bern. Irgendwo kurz hinter der Grenze, auf dem Weg Richtung Annecy, hatte ich dann den Moment, wegen dem dieser Bericht so ausfällt, wie er ausfällt. Aber der Reihe nach.
Preis: aktuell 47,50 € (Stand: 18.08.2026, Quelle: r2-bike) – UVP 68,90 € – Hinweis: Der Reifen wurde mir für diesen Test kostenfrei von Schwalbe zur Verfügung gestellt.
Gewicht: Herstellerangabe 698 g – selbst nachgewogen: 703 g
Getestete Größe: 29 x 2.25 – erhältlich auch in 29 x 2.40
Variante: Super Ground Karkasse (67 EPI), ADDIX Speedgrip Compound, TLR
Tatsächliche Breite auf der Felge: 55 mm auf 21 mm Maulweite
Maximaler Druck: 3,7 Bar / 54 PSI
Mein Setup: Tubeless, gefahren mit 1,8–2 Bar, durchgehend beladen auf der Tour
Der Rick XC Pro im Schwalbe-Lineup – die Lücke zwischen Ralph und Burt
Im Gravel-Regal hat Schwalbe in den letzten Jahren kräftig aufgeräumt – über den G-One RX Pro habe ich ja bereits ausführlich geschrieben. Im XC-Bereich passiert gerade Ähnliches, und der Rick XC Pro ist dort das neueste Kapitel. Entwickelt wurde er gemeinsam mit Olympia-Silbermedaillengewinner Mathias Flückiger, was diesem Reifen zumindest ein bisschen Schweizer DNA mitgibt.
Positioniert ist er präzise zwischen zwei Klassikern: schneller als der Racing Ralph, griffiger als der im Moment omnipräsente Thunder Burt. Die Profiltiefe liegt genau dazwischen. Wo die Weltspitze früher gerne Racing Ralph vorne und Thunder Burt hinten kombiniert hat, soll jetzt einfach zweimal Rick XC Pro aufs Rad – vorne wie hinten derselbe Reifen.
Dazu kommt die sogenannte "Rock Block"-Verstärkung: ein verstärkter Übergangsbereich zwischen Mittel- und Schulterstollen, der vor Snakebites schützen soll. Bei 1,8 Bar und vollem Gepäck durchaus eine Info, die man gerne liest. So, jetzt vorbei mit dem Marketinggelaber.
Montage und erster Eindruck
Volle Transparenz: Die Montage hat diesmal mein Mechaniker übernommen, weil im gleichen Zug für meinen Trip auch noch ein neues Licht und neue Bremsen ans Rad kamen. Aber wie man es von Schwalbe kennt – kinderleicht. Tubeless aufgezogen, dicht, fertig, keine Fluchereien.
Der erste Eindruck kam dann direkt auf dem Heimweg aus der Werkstatt, und zwar in Form einer Überraschung: Für einen so großen, stolligen Reifen rollt der Rick XC Pro auf Asphalt richtig gut. Ich war auf ein Brummen wie beim Ultradynamico Mars gefasst und auf das Gefühl, gegen einen unsichtbaren Widerstand anzutreten. Kam beides nicht. Was allerdings bleibt: Mit 703 Gramm ist er kein Leichtgewicht. Weniger als der Vittoria Mezcal, ja – aber für meinen Geschmack immer noch zu viel. Ich mag Reifen, die möglichst unter 600 Gramm bleiben. Das ist Geschmackssache und bei einem Reifen dieser Bauart auch nachvollziehbar, aber ich schreibe es trotzdem hin. Ich bin den Thunder Burt noch nicht gefahren, aber von allem, was ich gelesen habe, hatte sich der Rick eigentlich direkt ähnlich angefühlt bzw. so, wie ich mir den Thunder Burt vorstelle.
Auf Asphalt: leise und flott – für einen Reifen dieser Gattung
Wer meine Berichte kennt, weiß: Asphalt-Performance ist für mich kein Nebenschauplatz. Anfahrt, Verbindungsstücke, Heimweg – auf einer Tour Richtung Marseille sammelt sich da einiges an. Der Rick XC Pro macht das gut. Kaum Abrollgeräusche, deutlich zivilisierter als der Ultradynamico Mars und auch der Mezcal damals, und für einen Reifen dieser Gattung wirklich flott unterwegs. Wenn der Reifen mal im Rollen war, was natürlich etwas auffälliger ist wegen der 700 g, kam er mir eher wie ein kleinerer Reifen vor – im Sinne, dass er sich wirklich immer schön fix angefühlt hat.
Das deckt sich auch mit den Messdaten. Bicycle Rolling Resistance, was ich als Konstante immer gerne zum Vergleich nehme als Zusatz zum Popometer, hat die Speedgrip-Variante mit rund 19 Watt bei 1,7 Bar gemessen – ein guter Wert für einen XC-Reifen mit diesem Profil. Zwei Einschränkungen dazu: BRR testet die 2.4er-Version, nicht meine 2.25, und die noch schnellere Addix-Speed-Variante liegt weniger als zehn Prozent darunter, was man in der Praxis kaum merken dürfte. Die grobe Einordnung stimmt aber: Dieser Reifen bremst dich auf der Straße nicht aus.
Auf Schotter: einfach perfekt
Auf Schotter war der Rick XC Pro für mich schlicht perfekt. Immer Grip, guter Vortrieb, keine Überraschungen, kein Moment des Zögerns. Die Mittelstollen schieben, die Schulterstollen fangen dich in Kurven zuverlässig auf. Und das eben auch beladen. Auf der Marseille-Tour war ich durchgehend mit Gepäck unterwegs, und der Reifen hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Kein Schwimmen, kein Wegdriften, kein "jetzt wird's knapp"-Gefühl. Souverän von Anfang bis Ende. Ich hatte auch das Gefühl, dass der Reifen ein relativ großes Fenster für den "optimalen" Druck hat, hatte nicht das Gefühl, dass es ein Hexenwerk war, hier was Passendes zu finden. Regen oder Schlamm hatte ich auf der gesamten Testzeit übrigens keinen einzigen Tag – zur Nässe-Performance kann ich euch also ehrlicherweise nichts sagen. Schwalbe selbst verkauft den Rick XC Pro auch nicht als Schlammreifen, und das nimmt man dem Profil sofort ab. Angst haben sollte man mit dem Profil aber auch sicherlich nicht. Auch auf wirklich grobem Untergrund hatte ich immer genug Reserven; wer mit gesundem Menschenverstand fährt, wird hier nicht enttäuscht.
So hat der Abschnitt auf dem auch die Abfahrt war angefangen. Für so einen Untergrund ist der Reifen perfekt.
Der Moment, in dem der Reifen den Unterschied gemacht hat
Und jetzt die Geschichte, wegen der dieser Reifen bei mir einen Stein im Brett hat. Passiert ist sie kurz hinter der französisch-schweizerischen Grenze, auf Höhe Annecy. Nach einem zweistündigen Hike-a-Bike, um auf den "Gipfel" von dem Hügel zu kommen, kam eine Waldabfahrt, die harmlos anfing und dann so steil wurde, dass Bremsen ganz schnell keine wirkliche Option mehr war. Lose Steine auf festem Boden, viel zu viel Tempo und Gewicht, und dann kam das Rad ins Schleudern. Ich habe mich in diesem Moment gedanklich viermal auf dem Boden liegen sehen. Schlüsselbein gebrochen, Sommer vorbei.
Passiert ist es nicht. Habe dann die Hände von der Bremse genommen und bin dann wie im Flipperautomat von links nach rechts geschlittert und habe schon das Schlimmste kommen sehen. Aber nein: Nach zwei Dritteln der Abfahrt, siehe da, der Grip war da, als ich ihn am dringendsten brauchte, und das Volumen hat die Steine so weit weggefiltert bzw. aufgefangen, dass das Rad überhaupt eine Chance hatte, sich wieder zu fangen. Kurz vor dem Ende der Abfahrt habe ich es dann irgendwie hinbekommen, ein bisschen Kontrolle zu bekommen, und konnte noch das letzte Drittel genießen.
Unten angekommen bin ich trotzdem erstmal zehn Minuten gesessen. Ohne Musik, ohne alles. Einfach sitzen. War mir dann doch etwas zu wild.
Ich will das nicht überhöhen: Da war auch Glück dabei, und ein Reifen ersetzt kein Bremsen und keine Linienwahl. Aber ich bin ziemlich sicher, dass diese Abfahrt mit weniger Grip und weniger Volumen anders geendet hätte – und mit vollem Gepäck, mitten in Frankreich, mit noch gut 700 Kilometern vor mir, wäre ein Sturz da richtig teuer geworden. Das war mein größter Aha-Moment mit dem Rick XC Pro.
Pannenschutz und Verschleiß
In 1250 Kilometern: null Pannen. Kein Durchstich, kein Schnitt, kein schleichender Plattfuß. Und das tubeless bei 1,8–2 Bar, beladen, über Stock und Stein. Die Super-Ground-Karkasse mit ihrer durchgehenden Schutzlage macht offenbar genau das, was sie soll.
Nach den 1250 Kilometern zeigt der Hinterreifen leichte Gebrauchsspuren – wenig überraschend bei dem Zusatzgewicht durchs Gepäck und dem entsprechend höheren Druck. Dramatisch ist das nicht, da ist noch ordentlich Leben drin. Und wenn es irgendwann eng wird, wandert er einfach nach vorne, wo er deutlich weniger leidet.
Trotzdem ehrlich gesagt: Ein Dauerläufer wie der Mezcal ist er nicht. Dazu gleich mehr.
Vergleich: Rick XC Pro vs. Vittoria Mezcal – Skalpell gegen Panzer
Der Vergleich liegt auf der Hand: Beide sind XC-Reifen, beide habe ich im Bikepacking-Einsatz gefahren, beide bewegen sich in einer ähnlichen Nische.
Der Rick XC Pro ist leichter und spürbar schneller. Der Mezcal ist der Panzer – technisch robuster, mit einer Haltbarkeit, bei der man irgendwann aufhört mitzuzählen. Der Rick XC Pro ist im Vergleich dazu fragiler, bringt dafür aber deutlich mehr Speed und diesen wirklich herausragenden Grip mit.
Meine ehrliche Einordnung: Würde ich diese Woche bei der Tour Divide oder einem der Mountain-Rennen (Silk Road, Atlas etc.) an den Start gehen, wäre der Rick XC Pro mein Reifen. Für ein Rennen, bei dem Tempo zählt und man bereit ist, ein paar Reserven bei der Haltbarkeit einzutauschen, ist er die bessere Wahl. Für eine Reise, bei der der Reifen einfach nur halten muss und Ersatz schwer zu bekommen ist, bleibe ich beim Mezcal.
Und der Thunder Burt? Der rollt sicher nochmal schneller – ist dafür aber auch ein gutes Stück fragiler. Der Rick XC Pro trifft für mich den Sweet Spot dazwischen, und das ist ja auch genau die Lücke, die Schwalbe damit schließen wollte. Testen möchte ich den Thunder Burt aber immer noch.
Stärken und Schwächen des Rick XC Pro
POSITIV ✔️ Hervorragender Grip auf Schotter und losem Untergrund – auch voll beladen ✔️ Erstaunlich schnell und leise auf Asphalt für einen XC-Reifen dieser Größe ✔️ Viel Volumen, filtert groben Untergrund zuverlässig weg ✔️ Keine einzige Panne in 1250 km Tubeless-Betrieb bei niedrigem Druck ✔️ Leichter und schneller als der Vittoria Mezcal ✔️ Montage wie immer bei Schwalbe: unkompliziert
NEUTRAL ➖ Für Touren mit hohem Asphaltanteil schlicht Overkill – manchmal zu groß, zu schwer für den Zweck ➖ Verschleiß am Hinterreifen nach 1250 km sichtbar (beladen, hoher Druck) – Rotation nach vorne verlängert die Lebensdauer ➖ Nicht als Schlamm- oder Nässereifen konzipiert – konnte ich mangels Regen aber nicht selbst prüfen
NEGATIV ❌ 703 g sind kein Leichtgewicht. Ich mag Reifen unter 600 g, da liegt er klar drüber ❌ Weniger langlebig als ein ausgewiesener Dauerläufer wie der Mezcal
Fazit: Für wen lohnt sich der Rick XC Pro wirklich?
Der Schwalbe Rick XC Pro ist ein Weltcup-Reifen, der auch weit abseits der Rennstrecke funktioniert. Wer schnelle, trockene Schotter- und XC-Strecken fährt, gerne mit viel Volumen und niedrigem Druck unterwegs ist und auf Asphalt trotzdem nicht einschlafen will, bekommt hier einen Reifen, der diesen Spagat wirklich schafft. Und wer ein Bikepacking-Rennen plant, bei dem Tempo zählt, sollte ihn ganz oben auf die Liste setzen.
Für meine Tour nach Marseille war er – Hand aufs Herz – etwas Overkill. Ein 45-mm-Gravelreifen hätte es auch getan, wäre leichter gewesen und hätte auf den langen Asphaltpassagen weniger Material mitgeschleppt.
Aber dann denke ich an diese eine Abfahrt im Wald zurück. Und alleine dafür war er es mir wert. Maximale Empfehlung, fürs MTB oder auch am Gravelbike mit entsprechender Reifenfreiheit.